Kolumne – Authentisch. Ehrlich. Praxisnah.

Werte Leserschaft,
«Nein, ich will das nicht essen»! – ein Satz, der in vielen Familien regelmässig durch die Küche hallt. Kaum ist das liebevoll zubereitete Gemüse auf dem Tisch, folgt die entschlossene Ablehnung. Was für Eltern frustrierend und manchmal auch verletzend ist, gehört jedoch in vielen Fällen zu einer ganz normalen Entwicklungsphase.
Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme
Kinder und Essen – das ist selten nur Nahrungsaufnahme. Es ist Beziehung, Fürsorge, Erziehung und nicht zuletzt ein Stück Alltagskultur. Gerade im Kleinkindalter kann sich das Essverhalten von heute auf morgen verändern: Aus kleinen Feinschmeckern werden plötzlich kritische Prüfer, die scheinbar jedes grüne Blatt misstrauisch beäugen. Dahinter steckt oft keine Trotzreaktion, sondern ein entwicklungspsychologisch erklärbares Phänomen – die sogenannte Neophobie. Diese «Angst vor Neuem» tritt besonders zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr auf und hat ursprünglich eine Schutzfunktion: Unbekannte Lebensmittel werden vorsichtig beurteilt, bevor sie gegessen werden.
Zwischen Fürsorge und Frustation
Für Eltern ist diese Phase oft eine Geduldsprobe. Denn hinter jeder Mahlzeit steht mehr als blosses Kochen – es ist ein Ausdruck von Zuwendung. Wird das Essen abgelehnt, fühlen sich viele Eltern zurückgewiesen. Schnell entsteht ein Spannungsfeld, in dem gut gemeinte Überzeugungsversuche in Druck oder gar Zwang münden können. Doch genau hier lohnt sich ein Perspektivenwechsel: Gesunde Ernährung lässt sich nicht erzwingen – sie will erlebt, entdeckt und mit positiven Gefühlen verknüpft werden.
Warum Druck selten hilft
Kinder, die zum Essen gedrängt werden, entwickeln häufiger eine ablehnende Haltung oder verlieren das natürliche Gespür für Hunger und Sättigung. Viel wirkungsvoller ist es, ihnen eine Auswahl gesunder Lebensmittel anzubieten und ihnen die Entscheidung zu überlassen, was und wie viel sie davon essen möchten. Was nicht schmeckt, darf auch einmal liegen bleiben – Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und das gilt bereits im Kindesalter.
Die Kraft der Vorbilder
Ein oft unterschätzter Faktor ist die Vorbildfunktion der Erwachsenen. Kinder lernen weniger durch Worte als durch Beobachtung. Wer selbst mit Genuss zu Gemüse, Salat oder Vollkorn greift, vermittelt ganz selbstverständlich, dass diese Lebensmittel zum Alltag gehören. Umgekehrt wirken skeptische Blicke oder widerwillige Kommentare stärker, als man vielleicht denkt. Authentizität am Tisch ist daher eine der wirksamsten «Erziehungsansätze».

Struktur schafft Sicherheit
Ebenso wichtig sind klare Strukturen. Regelmässige Mahlzeiten geben Kindern Sicherheit und Orientierung. Ein fester Essplatz, eine ruhige Atmosphäre und der Verzicht auf Ablenkungen wie Bildschirmmedien helfen dabei, sich auf das Essen zu konzentrieren und die eigenen Körpersignale wahrzunehmen. Interessanterweise zeigt die Erfahrung: Je weniger das Thema Essen emotional aufgeladen wird, desto entspannter verläuft es. Kinder spüren sehr genau, wenn der Esstisch zur Bühne wird.
Gelassenheit zahlt sich aus
Dabei dürfen Eltern auf eine beruhigende Erkenntnis vertrauen: Ein gesundes Kind verhungert nicht freiwillig. Es wird essen, wenn es Hunger hat. Auch vorübergehende Phasen, in denen nur wenige ausgewählte Lebensmittel akzeptiert werden, gleichen sich in der Regel wieder aus – vorausgesetzt, das Angebot bleibt vielfältig und ausgewogen.
Praktische Impulse für den Alltag
Was also tun, wenn der Teller wieder einmal kritisch beäugt wird? Kleine Veränderungen im Alltag können Grosses bewirken. Kinder lieben es, eingebunden zu werden – beim Waschen, Rühren oder Schneiden. Wer mithelfen darf, entwickelt Stolz und oft auch Neugier auf das Ergebnis. Ebenso hilfreich ist es, Auswahl statt Zwang anzubieten: Zwei oder drei Optionen vermitteln ein Gefühl von Selbstbestimmung. Und nicht zuletzt darf Essen auch spielerisch sein – ob als Fingerfood, bunt angerichtet oder gelegentlich «versteckt» in Saucen und Gratins.
Langfristig zählt die Haltung
Am Ende geht es weniger darum, was ein Kind an einem einzelnen Tag isst, sondern darum, welche Haltung es langfristig zum Essen entwickelt. Eine Atmosphäre von Vertrauen, Gelassenheit und Vorbild prägt mehr als jeder Löffel Zwang.
In diesem Sinne: Bleiben Sie geduldig – und geniessen Sie die gemeinsamen Mahlzeiten, auch wenn sie manchmal etwas anders verlaufen als geplant.
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